Direkt zum Hauptbereich

Selbstbestimmung und Solidarität

Selbstbestimmung und ethische Konzepte. In der aktuellen Situation muss eine Handlung durch den Staat stattfinden. Wir haben die Verantwortung, andere und uns zu schützen. Eine solche Handlung ist allerdings zeitlich begrenzt. Beim Ausführen dieser Verantwortung ist es nebensächlich, nach welchem Ethikkonzept wir handeln. Das kann utilitaristisch sein, also zum Wohl der Gruppe, oder nach Kant, es ist unsere Pflicht momentan zu hause zu bleiben, oder nach Aristoteles, der Mensch ist von Grund auf gut und handelt demnach auch gut (bleibt zu hause). Funktionieren kann ein so rigider Einschnitt aber nur für eine begrenzte Zeit. Schon jetzt sind viele Menschen in sozialer Not und haben ein Traumata durch die aktuelle Situation. Insbesondere die Klienten der Sozialen Arbeit, die „Schwächeren“ einer Gesellschaft, trifft die aktuelle Situation mit voller Härte. Besonders unglücklich ist der Umstand, dass Soziale Distanz und Soziale Arbeit sich weitestgehend ausschließen und Ältere besonders gefährdet sind. Damit stellen sich, neben sozialen Fragen, auch viele Fragen an Versorgungssysteme. Wie soll diese Situation gelöst werden und was ist mit dem Recht der Selbstbestimmung? Ich bin weder Biologe, noch Virologe oder ähnliches. Aus meiner Sicht stellt sich die Frage der Selbstbestimmung. Selbstbestimmt Leben, heißt auch selbstbestimmt Handeln. Wir gehen jetzt für eine Zeit willentlich eine Einschränkung unserer Bürgerrechte ein. Auf Dauer müssen Einschränkungen einen Nutzen haben. Wenn der Nutzen nicht mehr sichtbar ist oder die Schäden den Nutzen überwiegen, muss auch die Soziale Arbeit sich der Situation stellen und über Forderungen nachdenken. Wie Soziale Arbeit in Zukunft funktionieren kann? Ob wir unsere Klienten allein lassen zu können? Ob es tatsächlich „unwichtiger“ ist, die „Schwächeren“ einer Gesellschaft sozial, als medizinisch, zu versorgen? Viele Sozialarbeiter handeln schon jetzt, entgegen der Weisung Ihrer Arbeitgeber und setzen sich mehrfacher Gefährdung aus. Für dieses Verhalten gibt es häufig seitens anderer Menschen Unverständnis, bzw. offene Kritik oder Anzeigen. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, wenn Ethik zu einer Ideologie (oder umgekehrt) wird, ist Ethik lediglich eine Hülle. Es besteht die Gefahr ausgegrenzt und denunziert zu werden. Ein solches Verhalten gilt es kritisch zu reflektieren, denken Sie an Experimente wie die Welle oder Standford-Prison. Gruppen haben den Trieb zur Selbsterhaltung und agieren ohne Rücksicht auf Andersdenkende. Sie legitimieren auch Denunziantentum als Ideologie, auch wenn das Verhalten ethisch unkorrekt ist. Also Vorsicht in diesen Zeiten mit selbsternannten Blockwarten u. ä. Soziale Arbeit hat die Verpflichtung ihre Arbeit zu erledigen und die christliche Ethik hat in jeder Pestphase gezeigt, dass sie diese Verpflichtung ernst genommen haben. Jetzt, in dieser Phase, gilt es die Einschränkungen für eine bestimmte Zeit zu akzeptieren. Aber diese Einschränkungen müssen einen sichtbaren Effekt, möglichst wenig Schaden und eine absehbare Zeit haben. Es gilt sich in der Zeit die Frage zu stellen, ob die Ethik der Verantwortung noch tragend ist oder eine Hülle ist? Momentan tragen die Medien zur Unübersichtlichkeit und „Meinungsfindung“ bei. Eine stetige Neubewertung der Situation ist sinnvoll, andere zu verurteilen und zu beschimpfen nicht. Zur Zeit müssen wir Verantwortung übernehmen, aber auch die Verantwortung für Andersdenkende, auch das gehört zum ethischen Handeln. Wir sehen die ganzen Schließungen, wir sehen Menschen, die sich zurückziehen, damit wird Leben zum Einzelschicksal. Gemeinschaftliche Balkonkonzerte sind toll, die Regierung sagt Hilfe zu, wir nehmen alle unseren Gesellschaftsvertrag ernst. Das ist aber keine Einbahnstraße, es ist durchaus zu überlegen, wie diese Zeit (trotz aller angedachten Hilfen) für Kreative, Solo-Selbstständige und Soziale Arbeit ist. Soziale Verantwortung bedeutet auch, dass eine Gesellschaft sich solidarisch zu diesen Gruppen verhält und nicht allein auf staatliche Hilfe vertraut. Seien wir realistisch, Vereine werden schließen, Kreative und Solo-Selbstständige, die Zeit nicht überstehen, Klienten werden vereinsamen oder Schlimmeres. Diese Veränderungen wieder umzukehren wird erhebliches Engagement und Zeit in Anspruch nehmen. Selbstbestimmung bedeutet auch seine Menschenrechte wahrzunehmen und ethische Verantwortung zu tragen. Und zwar zwischen Bürgern und Aktiven, nicht nur zwischen Staat und Bürgern. Es gilt sich über freiwillige Solidargemeinschaften Gedanken zu machen. Der Staat könnte sich z. B. mal über einen Solidaritätsbeitrag von amazon, netflix, aller Telefonanbieter und Co. Gedanken machen, die großen Gewinner dieser Zeit. Neben diesen Fragen ist es an der Zeit über Selbstbestimmung und direkte Hilfe zu reden. Angst ist verständlich und nachvollziehbar und kontrolliert Menschen. Auch nach dem Aufheben der momentanen „Sperre“ wird die Angst vermutlich bleiben. Wir brauchen Zeit wieder aktiv mit unserem Leben und Interaktion umzugehen. All das funktioniert dann, wenn auch die Selbstbestimmung wieder etabliert wird und gewollt ist.

Kommentare